Fahren mit dem Dreirad-Reisezug

Einer der großen Vorzüge meines Easy Rider war von Anfang an, dass ich es in den Zügen der Nordwestbahn auf der Linie zwischen meinem Wohnort in Bremen-Vegesack nach Bremen mitnehmen konnte. Es passt ohne Probleme in die recht geräumigen Abteile, die für den Fahrradtransport vorgesehen sind.
In Vegesack kommt man ebenerdig, also ohne Treppen oder sonstige Hindernisse, auf den Bahnsteig und rollt von dort ebenso auf hilfreicher Ebene bequem in den Wagen. Drinnen muss man dann noch ein bisschen rangieren, aber ausreichend Platz ist vorhanden. Und oft genug bieten erfahrungsgemäß Mitreisende ihre Hilfe an und überdies habe ich mit jeder Fahrt mehr Routine gewonnen.
Vor meiner Jungfernfahrt wusste ich zwar, dass es am Bremer Hauptbahnhof einen Fahrstuhl vom Bahnsteig hinunter auf die Höhe der Fußgängertunnel gibt, die nach vorne hinaus auf den Bahnhofs- und nach hinten auf den Willy-Brandt-Platz und die Bürgerweide führen, aber es war mir nicht klar, ob mein Easy Rider überhaupt in seiner ganzen Länge in den Aufzug hineinpasst.

Wozu die Auskunft am Bahnhof gut sein kann – Teil I:
„Er misst 2,10 m“

Im Internet fand ich dazu keine Angaben, also rief ich in der Auskunft am Hauptbahnhof an und fragte nach den Maßen, vor allem denen der Tiefe des Fahrstuhls. Das konnte mir am Telefon keiner sagen, versprach aber, jemanden hinzuschicken, um Maß zu nehmen. Kurze Zeit kam der freundliche

Bereit für den Ausflug!

Rückruf mit der Nachricht, die Tiefe liege bei 2,10 m. Diese Auskunft passte wie die Faust aufs Auge: denn die Gesamtlänge des Easy Rider beträgt auf den Millimeter genau zwei Meter zehn! Also riskierte ich meine erste Exkursion auf diesem Verkehrsweg, in aller Vorsicht in Begleitung meines Mannes, sollte was schief laufen und obendrein zu einer Uhrzeit, in der ich nicht gerade das stärkste Passagieraufkommen erwarten musste, also gegen späten Vormittag. Ich fand den Waggon tatsächlich nahezu leer und in planmäßigen 22 Minuten Fahrzeit war ich in Bremen angekommen.
Vor dem Fahrstuhl fand sich eine längere Warteschlange, denn es gibt nur diesen einen Aufzug auf jedem Perron. Mütter mit ihren Kinderwagen, Fahrgäste mit schwerem Gepäck, alte Leute benötigen ihn ebenso wie ein Formel-1-Fahrer wie mich. Mehr als ein Dreirad meines Ausmaßes passt dann auch nicht hinein. Aber abwärts geht’s und weiter in vorsichtiger Fahrt durch die Menschenmengen in der Halle hinaus in Bremens City! In der man dann in den Genuss der recht großzügigen Ausstattung der Stadt mit Fahrradwegen oder -Streifen kommt.
Bei den Fahrten vom Hauptbahnhof zurück in den Bremer Norden, bedarf es manchmal einer gewissen Durchsetzungskraft, um im Zug an einen der für Räder vorgesehenen Platz zu gelangen, denn es warten dort naturgemäß mehr Menschen auf den Zug als von einer Endhaltestelle wie in Vegesack. Aber meist kommt einem die Rücksicht der anderen Fahrgäste zu Hilfe oder man setzt seine Fähigkeit zu einer gewissen Entschiedenheit ein, die man als gehbehinderter Mitbürger sowieso für solche Konfliktsituationen entwickeln muss.
Übrigens habe ich meinen Easy Rider mit einem dezenten, aber gut sichtbaren Behinderten-Piktogramm ausgestattet, auch das hilft in manchen Situationen, z.B. in
Fußgängerzonen, in denen das Radfahren normalerweise verboten ist. Denn einen Easy Rider auf längere Distanzen zu schieben entfällt, immerhin wiegt er gute vierzig Kilo…

Wozu die Auskunft am Bahnhof gut sein kann – Teil II:
„Der Zug fährt ein auf Gleis 3!“

Nur einmal passierte es mir, dass ich bei der Rückfahrt nicht nach oben auf den Bahnsteig kam, denn an der Tür des Aufzugs hing ein Schild mit „Außer Betrieb“. Ich radelte dann zurück zum DB-Info-Center in der Bahnhofshalle und trug mein Problem vor. Die Dame am Schalter versicherte mir, sich darum zu sorgen, sie würde eben in Hannover anrufen und ich solle einen Moment warten. Es dauerte nicht sehr lange und sie kam aus ihrem Pavillon wieder auf mich zu. „Kein Problem für Sie. Ihr Zug nach Vegesack wird für Sie statt auf Gleis 5 auf Gleis 3 umgeleitet.“ Obwohl ich eigentlich hätte sprachlos sein sollen angesichts einer solchen unbürokratischen Lösung, gelang es mir dennoch, mich wortreich bei der Kundenberaterin zu bedanken.
Ich fuhr also zum Fahrstuhl von Gleis 3, der mich ohne Störung eine Etage höher beförderte, und stand als erster mit meinem Easy Rider auf dem Bahnsteig von Gleis 3. Schon scholl von Gleis 5 durch die imposante Halle des Bremer Bahnhofshalle quer über die Gleise die dortige Lautsprecherdurchsage zu mir herüber, die die dort auf den Zug wartenden Passagiere von dem Gleiswechsel informierte. Diese liefen daraufhin schnellen Schritts die dortigen Treppen hinunter, inzwischen war mein Zug tatsächlich auf Gleis 3 eingefahren und ich rollte als erster mit meinem Dreirad in den Zug, bis dann auch die umgeleiteten Passagiere die Treppen heraufliefen und in den umgeleiteten Zug stiegen. Ich glaube, niemand meiner Mitinsassen im Zug ahnte, dass ich es gewesen war, der der Grund für ihren Dauerlauf gewesen sein könnte.
Ich hatte dann fest im Sinn, der Bundesbahndirektion Bremen meinen Dank für diese umsichtige Hilfsaktion zu schicken. Ich kam drüber hinweg. Das mache ich aber jetzt posthum mit diesem kleinen Blog-Artikel. Vielleicht freut man sich dort, dass auch mal jemand Danke sagt, so viel Wind von vorne, den sie normalerweise abbekommen. Manchen zu Recht. Von mir in diesem Fall aber ganz und gar nicht.

Über unseren Autor – Johannes

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