Born to be Wild

Natürlich war mir bei aller Emotion nicht entgangen, dass das Therapie-Dreirad, mit dem ich bei TheraMobile in der Bremer Neustadt meine erste Probefahrt gemacht hatte, den leicht überheblichen Modellnamen Easy Rider trug. Schließlich war es der Film mit dem gleichen Wortlaut, der zum Ende der 60er Jahre zu unseren prägenden Kinoerlebnissen gehört hatte. Mit Peter Fonda, Dennis Hopper und Jack Nicholson, die wir – zumindest im Kino – auf Gefährten gleichen Namens durch die Staaten haben rollen sehen. Wie die holländischen Dreiräder für Erwachsene, so hieß eben auch der Film: EASY RIDER. Ich sage nur: „Born to be Wild“ und Steppenwolf

Tief überzeugt war ich nach der Probefahrt auf dem Neuen Markt neben dem Geschäft von Theramobile, dass dieses flotte Dreirad für Erwachsene meines werden sollte. Chef Thomas Uhe bot mir einen gebrauchten Easy Rider an, zwei Jahre alt, nur wenige Kilometer gefahren. Trotzdem belief sich der Endpreis den er errechnete, mit all den Zusatzelementen die meine Beeinträchtigungen verlangten, auf eine ordentliche Summe. Die kam ja fast der gleich, die ich bei meinem letzten Gebrauchtwagenkauf unseres Renault Kangoos in Spanien habe zahlen müssen! Qualität hat eben seinen Preis.

Ganz schön viel Geld…

Was also machen? Das Geld hatten wir nicht, andererseits schien uns diese Anschaffung alles andere als eine Luxusakquisition zu sein. Im Gegenteil, sie würde mich wieder „auf die Beine“ bringen können, das war mir sofort klargeworden, mir wiedergewonnene Mobilität und Autonomie verschaffen. Mein Antrag auf Hilfe bei der AOK Bremen verlief ins Leere, man argumentierte, meine Wohnlage sei ausreichend durch die Linien des ÖPNV versorgt. Das Argument, dass eine individuelle Beförderungsart wie ein Therapie-Dreirad mir sowohl physisch wie psychisch wertvolle Hilfe verschaffen würde, wurde in meinem Fall gänzlich überhört.

Den einzigen Rat, den man mir dort am Ende gab, war der Hinweis, ich könne mich an mein Versorgungsamt wenden und dort einen Antrag auf eine Unterstützung stellen. Das kam jedoch nicht in Frage, dazu waren unsere Einkommensverhältnisse dann doch zu hoch, obwohl sie keineswegs sehr hoch liegen. Eine im Sozialrecht erfahrene Anwältin konnte uns auch nicht zuraten, juristisch gegen diese Entscheidung vorzugehen.

Die Lösung?

Mein Wille, mir diesen Untersatz „gönnen“ zu können, war mittlerweile ungebrochen geworden und ich wollte deshalb auch nicht lockerlassen. Viel hatte ich vom Crowdfunding gehört, also der Methode, ein Projekt – welcher Art es auch sein mochte – via dem Internet durch Spenden zu ermöglichen. Ich sah mich nach entsprechenden Plattformen im Internet um.

An dieser Stelle will, ich einmal ein Hochgesang auf das Internet einschieben und anstimmen. Es eröffnet Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen viel ans Haus gebunden sind, oder es gar nicht mehr verlassen können, unermesslich große Möglichkeiten, sich die Welt ins Haus zu holen! Ich zähle diese Erfahrung eindeutig zu meinen Lebensrettern, oder zumindest zu denen, die mich vor Hoffnungs-, Freud- und Mutlosigkeit bewahrt haben!

Ich sah mich also um und stieß auf Plattformen, die sich speziell für die Finanzierung sozialer Projekte engagierten, ich wählte mir eine aus, die sich gofundme nennt. Sie bietet auf ihrer Homepage alle Werkzeuge und Ratschläge an, wie man eine Spendenkampagne am besten anlegt, formuliert und vermittelt.

Ans Werk!

Das hilft sehr, denn es fällt natürlich nicht leicht und verursacht spürbare Scheu, sich auf diesem Wege möglichen Spendern zu nähern. Die Plattform sammelt die eingehenden Spenden ein und überweist sie in sinnvollen Tranchen an den Antragsteller und behält von allen eingegangenen Beträgen einen geringen Prozentsatz als Kommission für ihren Aufwand ein.

Durch meine berufliche Erfahrung war ich einigermaßen geübt im Verfassen von Texten, die um Interesse, Anteilnahme und Aufmerksamkeit werben, so verfasste ich den „Wunschzettel“ nach meinem Objekt der mobilen Begierde. Obendrein ließ ich Personen meines Vertrauens meine Petition gegenlesen und korrigieren und schickte sie erst dann hinaus in die Welt.

Dafür wählte ich Kontakte aus unseren Familien- und Freundeskreisen aus, ich schloss auch frühere Arbeitskollegen mit ein, das Kriterium war immer, dass es eine persönliche Beziehung geben musste zwischen den angeschriebenen Menschen und mir. Insgesamt hatte ich mein Anliegen per Mail an die fünfzig Adressaten geschickt.

Easy Rider? Wir schaffen das!

Da ich auch Freunde im Ausland anschrieb, formulierte ich meine Bitte auch auf Englisch und Spanisch (wir hatten über 30 Jahre in Barcelona gelebt). In einem Zeitraum von nur drei (!) Wochen war auf meinem Spendenkonto die Summe von € 6.500,00 eingegangen und damit die Summe, die ich für den Easy Rider brauchte. Dieses imposante Ergebnis setzte sich zusammen aus vielen kleinen und großzügigen Schenkungen „from all over the world“. Ich war natürlich überwältigt von solch großer Hilfsbereitschaft und bin es bis heute.

Ein Anruf bei TheraMobile und zwei Tage später stand deren Liefershuttle vor unserer Haustür und machte mich zum glücklichen Besitzer meines Van Raam Easy Riders, auf dem ich mich jetzt so frei fühlte wie damals Fonda, Hopper und Nicholson zusammen! Natürlich bekamen alle Spender hinterher unser Dankeschön mit einem Foto und einem Video von mir bei einer meiner ersten Ausfahrten.

Und über diese meine ersten Ausfahrten – erst noch zögerlich, dann schon bald in mutigere Entfernungen – erzähle ich dann beim nächsten Mal.

Jeder hat seine Last zu tragen
Über unseren Autor – Johannes

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