„Back to the roots“ – Wieder auf dem Dreirad unterwegs

Vielleicht erinnert manch Leser*in sich noch oder erlebt es an Kindern in der familiären oder nachbarschaftlichen Umgebung: Welch großer Schritt es damals war oder heute für die Kleinsten bedeutet. Welches Maß an Unabhängigkeit man sich erobert, plötzlich seine Fähigkeiten auf dem Dreirad zu entdecken. Unfallfrei und schon bald wie der Blitz auf dem eigenen Dreirad über die Gehsteige zu rasen. Den Begleitern weit weg zu entwischen, die Straßen und Gehsteige für sich erobernd. Und schon bald klettert man die Karriere hoch, vom Drei- aufs Zweirad, von 14“- über 16“- hoch zu 28“-Rädern. Und dann manchmal wieder zurück zum Dreirad – dieses Mal das Dreirad für Erwachsene. Das Leben und die Fortbewegung auf dem Rad gehören immer mehr zum Leben dazu, fast wie das Atmen, das Essen oder Trinken.

Und dann?

Es ist gut so, es im Vorhinein nicht zu wissen, was es bedeutet und wie einschneidend es sein kann zu erleben, seine körperliche Bewegungsfreiheit von einem auf den anderen Moment eingeschränkt zu sehen. Wie schwer die Auswirkungen auf das allgemeine Befinden werden können, wenn man unvermittelt oder manche auch heimtückisch schleichend in seiner Mobilität beschnitten wird. Aber wie befreiend es wirken kann, wenn man doch wieder Stück für Stück seine Unabhängigkeit wiedererlangt und welche Glücksmomente das auslösen kann.

Mal eben schnell den Blinddarm rausnehmen

Es klang – zumindest in meinen Ohren – nach einem Routineeingriff, als man mir im Krankenhaus eröffnete: „Der Blinddarm muss raus!“ Aber von wegen! Durch eine postoperative Komplikation erlitt ich ein Multiorganversagen, das ein vierwöchiges Koma und einen insgesamt gute zwei Monate währenden Erinnerungsverlust nach sich zog. Irgendwann fand ich mich in einem Bett wieder, neben dem Geräte blinkten und fiepten, die man bislang nur aus einschlägigen TV-Serien kennengelernt hatte. Man erklärte mir – begreifen tat ich es nicht wirklich – dass ich mich nicht mehr in dem Bremer Krankenhaus lag, in das ich mich irgendwann begeben hatte, Inzwischen beherbergte mich eine intensivneurologische Station einer Oldenburger Klinik. Dort lag ich nun, ohne mich bewegen, geschweige denn erheben zu können. Verbunden mit einem bunten Karussell von insgesamt dreizehn Schläuchen oder
Kabeln, ebenso einem Tubus in der Luftröhre, verdrahtet mit diversen Versorgungs- und Überwachungstanks und Geräten.

Langsame Rückkehr

Einen großen Vorteil darf man darin sehen, dass einem die ganze Dramatik eines solchen Erlebens glücklicherweise lange nicht bewusst ist. Ganz im Gegensatz zu den Angehörigen und Freunden, die lange Zeit um einen Patienten in einer solchen Lage bangen müssen. Aber irgendwann wurde es mir möglich, mich mit Hilfe von kräftig zupackenden Helfer*innen vom Krankenbett in einen Rollstuhl zu hieven. So konnte ich endlich das erste Mal eigenständig mein Krankenzimmer verlassen und in ganz kleinen Schritten wieder an dem gemeinschaftlichen Leben zumindest auf der Station teilnehmen. Schritte nicht im wortwörtlichen Sinne, denn meine Beine versagten mir noch jeglichen Dienst.

Die allerersten Schritte

Umso bewegender wurde es dann für mich, als mich mein Physiotherapeut mit Erfolg in einen sogenannten Gehwagen hängte. Anders kann man dieses Ereignis nicht beschreiben, denn es ist so, dass man mit den angewinkelten Armen in einem gepolsterten Ring hängt und mit seinen Füssen, eher den Fußspitzen, leicht den Boden touchiert. Es wurde ein Erlebnis, wie es einem Kleinkind passieren muss, wenn es seine allerersten Schritte tut. Nur das Baby juchzt und quietscht vor Vergnügen in einem solchen Moment, mir als erwachsendem Mann kamen die Tränen in diesem bewegenden Augenblick: Ja, ich konnte wieder „laufen“, der allererste Schritt in eine wiedergewonnene Mobilität war getan! In noch verweintem, aber schon lachendem Ton entfuhr mir das Zitat von Neil Armstrong bei seiner Mondlandung: “Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein gewaltiger Sprung für die Menschheit” und hatte die Lacher auf meiner Seite (was auch heilsam ist!).
Als man mich am Ende endgültig von auch vom allerletzten Schlauch befreien konnte, wurde ich eine weit entfernt liegende REHA-Klinik in Hessen verfrachtet, wo man mich in drei Monaten so weit wiederherstellte, dass man mich in einem Rollstuhl nach am Ende sieben Monaten Absenz in unser Haus in Bremen rollen konnte.

In der Enklave

Natürlich war ich glücklich, endlich wieder zu Hause zu sein, in der Wohnung, die wir nur vier Wochen vor meiner Einweisung ins Krankenhaus bezogen hatten, und die mein Mann zusammen mit unserer Hündin Maggie die lange Zeit von sieben Monaten alleine hüten musste.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ich schrittweise zu meiner Konzentration zurückfand. Sämtliche Befehle an meinem PC waren mir entfallen, den ich vorher jahrelang – beruflich, wie privat – professionell und wie im Schlaf in der Lage war zu bedienen. Aber alles kam Stück für Stück zurück. Durchaus mit zwischenzeitlichen entmutigenden Momenten, die aber schnell wieder von den kleinsten Erfolgen verjagt werden konnten.
Nur auf die Straße hinaus traute ich mich nur mit der allergrößten Vorsicht, immerhin war mittlerweile der Rollator mein treuer Begleiter geworden. Aber mich wurmte, dass ich schon für geringfügig weiter entfernte Ziele auf den Transport durch Dritte angewiesen war.

Wer brachte mich auf die Idee?

Ich kann mich nicht erinnern, wer es gewesen war, der mich fragte: Warum guckst Du Dich nicht einmal nach einem Dreirad für Erwachsene um? Damit kannst Du doch nicht umfallen! Ja, warum nicht? So schauten wir bei einem dieser einschlägigen Fahrradläden vorbei, in dem man auch das eine oder andere dreirädrige Modell führte. Aber das schien mir alles zu wackelig, von einem helfenden Elektromotor bei den Pedelecs und E-Bikes ganz zu schweigen. Am Ende half mir mein Medizinhaus weiter. Die erzählte mir von einem Laden in der Bremer Westerstraße, die spezialisiert auf Therapieräder und vor allem Erwachsenendreiräder seien. TheraMobile sei der Name.

Am gleichen Tag noch fuhr ich mit meiner Schwester dorthin: ein Riesenladen, in dem wir uns wiederfanden, bis in die letzte Ecke vollgestellt mit nichts anderem als DREI-Rädern! Gut, zugegebenermaßen hatte das eine oder andere Fahrrad auch nur zwei Räder. Aber die Auswahl an Spezialrädern war enorm! Rollstuhlräder, eine Rikscha, Lastenräder, Liegeräder und vieles mehr. Sofort kam jemand auf uns zu. Es war der Besitzer Thomas Uhe, der mit einem Blick erfasste, wer da auf ihn zu humpelte. Schnell erkannte er auch, welches Dreirad ich wohl bräuchte. Und schon schob er mir ein ausgesprochen schnittiges Modell auf den großen Platz neben dem Laden. Da schwang ich mich natürlich gleich auf den Sattel. Sattel? Nein! Es handelte sich um einen bequemen Sitz! Ich saß fast wie auf einem Thron…

Und schon wieder Tränen

Und wie vor ein paar Monaten, als ich meine allerersten Schritte tat, kamen mir auch jetzt wieder die Tränen, so bewegend erlebte ich den Moment, als ich da in einem Affenzahn (so schien es mir zumindest) über den Neuen Markt preschte. Die Entscheidung war gefallen, ich wollte wieder aufs Dreirad! Nur das Geld fehlte mir.

Wie aber auch das Problem gelöst werden konnte, darüber erzähle ich ein nächstes Mal. Darüber wie ich auch noch über weitere Erlebnisse und Anekdoten berichten werde. Also wie ich am Ende dann tatsächlich zum dreirädrigen passionierten Easy Rider Driver wurde, zum Schrecken der Fußgängerzone in Bremen-Vegesack mit seinem modischen Dreirad für Erwachsene …

Jeder hat seine Last zu tragen

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